Schwache Stütze fürs Herz

Mit Rückschlägen beim medizinischen Fortschritt müssen Herz-Kreislauf-Experten traditionell leben. Durch das Zubinden einer Brustarterie beispielsweise hatte man einst gehofft, mehr Blut in verstopfte Herzgefäße zu leiten. Vergeblich. Schon beim ersten wissenschaftlichen Härtetest fiel das Verfahren durch. 1959 wurde diese Ligatur der Arteria mammaria interna als Fehlgriff entlarvt.

Auch den sogenannten transmyokardialen Laser, der über kleine Einschusslöcher im Organ für eine bessere Durchblutung sorgen sollte, halten heute nur noch wenige für eine gute Idee. Und erst vor kurzem wurde auch die „renale Denervierung“ zu Grabe getragen. Forscher hatten einen Blindversuch durchgeführt, bei dem den Patienten nur vorgetäuscht wurde, die Nierennerven zu veröden. Ihr hoher Blutdruck sank tatsächlich, obwohl der Eingriff in Wahrheit gar nicht ausgeführt worden war, sogar genauso stark wie bei den tatsächlich Behandelten. Ligatur und Laser schnitten nicht besser ab: Kaum wurden die Verfahren mit einer Scheinbehandlung verglichen, mussten die Ärzte feststellen, dass ihre Patienten nur aus einem Grund profitierten: Die Operation hatte ihnen vorgegaukelt, dass es ihnen bessergehen müsse – also ein Placeboeffekt, wie er im Buche steht.

Das Lieblingsverfahren der Kardiologen auf dem Prüfstand

Ein ähnliches Schicksal scheint jetzt dem aktuellen Lieblingsverfahren der Kardiologen zu blühen. Etwa 800.000 Mal schoben deutsche Ärzte im Jahr 2015 Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung, kurz KHK genannt, einen Katheter in die kleinen Adern, die das Organ mit Sauerstoff versorgen. In rund 360.000 dieser Fälle sprengten sie durch das Aufblasen eines Ballons verkalkte Engstellen frei und klemmten anschließend noch ein Drahtröhrchen in die Ader. Dieser Stent soll verhindern, dass sich neue Verschlüsse bilden. Aber das ist vielleicht vollkommen überflüssig.

Londoner Mediziner haben 95 Patienten erstmals nur scheinbar einen Stent gelegt. 105 Probanden, berichten sie in „The Lancet“, habe man wiederum mit einer echten perkutanen Koronar-Intervention, kurz PCI, behandelt. „Das Ergebnis dieser Studie zeigt eindeutig, dass das Verfahren bei einer stabilen KHK keine Vorteile bringt“, sagt Kardiologin Rita Redberg von der Universität San Francisco.

Hauptsymptom einer chronischen Verkalkung der Herzgefäße sind die bekannten Anginaschmerzen. Vor allem bei Anstrengung meldet sich der Herzmuskel, weil er mehr Blut und Sauerstoff benötigt, als er bekommt. Ein Stent, dachte man bisher, könne für Besserung sorgen. Doch bei den ausschließlich mit Medikamenten behandelten Patienten hatten die Beschwerden auf dem Fahrradtrainer im gleichen Maße abgenommen. „Ich denke, wir haben den Wert der PCI massiv überschätzt“, sagt der amerikanische Kardiologe David Brown von der Universitätsklinik in St. Louis, der zusammen mit Redberg einen Kommentar zur britischen Studie im„Lancet“ veröffentlicht hat. Auf der ganzen Welt diskutieren Kardiologen nun, ob auch die beliebten Stents nur wie Placebos wirken. Noch schließen sich aber nicht alle Kollegen der Meinung von Redberg und Brown an. Immerhin ist der Eingriff für viele von ihnen eine Haupteinnahmequelle.

Eine koronare Herzkrankheit ist kein Klempnerproblem

Grund, am Erfolg zu zweifeln, gab es allerdings schon zuvor. Als der deutsche Arzt Andreas Grüntzig 1977 das erste Mal einen Ballonkatheter anwendete, wollte er ein Verfahren erproben, um künftige Todesfälle zu verhindern. Bei akuten Infarkten, wenn sich das Gefäß schlagartig verschließt, ist ihm das gelungen: In solchen Situationen retten Stents Tausenden das Leben. Aber weder Grüntzig noch seine Nachfolger konnten den gleichen Erfolg bei chronischen Herzpatienten erreichen, deren Gefäße langsam und meist nur teilweise zuwachsen. Nicht einmal die Zahl der Infarkte ging in dieser Gruppe zurück.