Es muss eben noch schlagen

Auf der Main Street in Kapstadts Stadtteil Salt River fährt ein Mann zwei Frauen an. Der 36-jährige Handelsvertreter Frederick Prins ist angetrunken und erwischt beide, Mutter und Tochter, mit voller Wucht. Nur Letztere, die 25-jährige Bankangestellte Denise Darvall, überlebt, schwer am Kopf verletzt. Schaulustige bilden eine Menschentraube, als auf der anderen Straßenseite Ann Washkansky langsam vorbei fährt, auf dem Heimweg vom Krankenhaus, wo ihr Mann im Sterben liegt.

Ein paar Stunden später kreuzen sich die Wege der beiden Familien erneut. Denise‘ Kopfverletzung wird in den frühen Morgenstunden des 3. Dezembers 1967, heute vor fünfzig Jahren, von einem Neurologen als irreparabel, die junge Frau für todgeweiht erklärt. Louis aber, der 53-jährige Ehemann von Ann Washkansky, ist ein paar Stunden später umso lebendiger. Denn in seinem Brustkorb schlägt nun das Herz von Denise. Ihr Vater Edward Darvall hatte zugestimmt, dass es der Frau herausgeschnitten werden darf.

Es fehlte die Bereitschaft zum Tabubruch

Es wird Geschichte geschrieben im Kapstadter „Groote Schuur Hospital“. Der damals 45-jährige Chirurg Christiaan Barnard wird zur Ikone. Von 1967 bis zu seinem Tod 2001 ist er der Weltstar der Chirurgie. Jene erste Herztransplantation gehört in der populären Wahrnehmung zu den wichtigsten Ereignissen der Medizinhistorie überhaupt. Auch als Erfüllung eines uralten Menschheitstraumes wurde sie dargestellt.

Die Realität sieht etwas anders aus. Den Menschheitstraum vom Ersetzen und Erneuern von Organen etwa habe es nie gegeben, sagt Thomas Schlich, aus Deutschland stammender Professor für Medizingeschichte an der McGill University in Montreal: „Die Vorstellungen über Krankheit damals hatten nichts mit Organen und Organversagen zu tun, sondern mit dem Gleichgewicht der Säfte.“ Eine andere Fehleinschätzung ist aber viel bedeutender. Es ist die von der medizinisch-wissenschaftlichen Pioniertat: „Die Innovation im Dezember 1967 war keine wissenschaftliche, denn das war lange vorher geschehen“, sagt der Medizinhistoriker David Jones von der Harvard University. Jene „Innovation“ habe auf einem vollkommen anderen Gebiet gelegen: „Es war die Bereitschaft, einem Menschen ein Herz zum Zwecke einer Transplantation zu entnehmen.“ Ein noch schlagendes Herz.

Auf den Schultern von anderen

Tatsächlich war Barnard zwar ein begabter und ambitionierter Arzt, der auch nebenbei Forschung betrieb. Ein Transplantationspionier aber war er bis dahin nicht gewesen. „Die entscheidenden Entwicklungen hatten andere vorangebracht“, sagt Volkmar Falk, Transplanteur und Leiter des Deutschen Herzzentrums Berlin. Was Barnard an jenem Sonntagmorgen vor fünfzig Jahren anwandte, hatte er sich bei der echten Avantgarde abgeschaut. Es waren Leute, die über die Jahre in Tierversuchen Techniken entwickelt und verfeinert hatten und die seit Jahren Operationen am offenen Herzen vornahmen, Klappen transplantierten, Herzfehler korrigierten.

Es waren Leute wie Thomas Starzl, von dem Barnard 1967 bei einem Besuch an der University of Colorado die Grundlagen der Unterdrückung des Immunsystems gelernt hatte. Und wie Wilford Neptune in Boston, der Mitte der fünfziger Jahre Verfahren entwickelte, Tierkörper und Spenderorgan so zu kühlen, dass eine kombinierte Herz-Lungen-Transplantation möglich war. Oder Norman Shumway und Richard Lower, die in Standford und Richmond, Virginia, Versuche an Hunderten Hunden vornahmen und bei denen Barnard hospitiert hatte. Oder James Hardy in Jackson, Mississippi, der aus Mangel an Alternativen 1964 einem Kind ein Schimpansenherz einpflanzte, das nur eine Stunde schlug.